Königl. Privil. Scharfschützengesellschaft Lichtenfels

Die Schützen im Mittelalter
Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Schützenzeitung und Frau Ines S.Menay
Ausgabe März 2005

Chronik-Inhalt


Vom Heer zur Gilde, von der Wehr zum Sport: 

"Die Schützen im Mittelalter" - ein Titel zu einem Thema, das Bände füllen könnte ­und das nicht zuletzt deshalb, weil der Titel an und für sich sehr allgemein ist. "Schützen"" - das können im Mittelalter nämlich viele sein: Jäger, Soldaten und eben auch jene Männer, die sich ab dem 13.Jahrhundert in Gilden, Bruderschaften und Vereinigungen zusammenschließen, um weder der Jagd - also dem Nahrungserwerb - noch dem Krieg - also dem Land­ und wirtschaftlichen Erwerb - nachzukommen, sondern um in erster Linie den "Sport Schießen" auszuüben. Gleichzeitig verbinden sie ihren Sport mit den zahlrei­chen gesellschaftlichen "Tugenden ", die die Schützenvereinigungen auch heute noch ausmachen, wie die Sorge für die Gemeinschaft und das Bemühen um die Gesellschaft.

Wie aus der Jagd und dem "Kriegsgeschäft", also aus zwei ökonomischen Komponenten, die Anfänge des Sports hervor­gehen und wie sich die Schützengesellschaften selbst und ihre Traditionen im Mittelalter begründen - und so dem Ganzen eine soziale Komponente hinzufügen ­möchte dieser Essay aufzeigen. Mittels eines kurzen Überblicks über die Entwicklung und Verwendung von Schusswaffen in der Urzeit und in der griechischrömischen Antike nähert sich der Essay dem Schützenwesen im Mittelalter an, indem er das Geschehen auf den Schlachtfeldern des "Hundertjährigen Krieges" ebenso berücksichtigt, wie die Darstellung und Funktion von Schützen im literarischen und soziokulturellen Bereich. Dies wiederum setzt der Essay in Kontext zur Reglementierung des Schießbetriebs, die die Entstehung des sportlichen Schießens ausmacht.

Der ökonomische Grundgedanke

Die erste Schusswaffe ist die Steinschleuder, der schließlich das Schießen mit Pfeil und Bogen folgt - oder besser gesagt: Die Steinschleuder wird vom Bogenschießen abgelöst. Auf 30.000 v.Chr. lassen sich Höhlenmalereien in der Schlucht von Valltorta (Spanien) datie­ren, die Bogenschützen zeigen; die ältesten Funde von Pfeilspitzen lassen sich bereits auf die Zeit um 50.000 v.Chr. datieren. Gefunden wurden sie in der Ostsahara, und das bedeutet wiederum, dass das Bogenschießen in Afrika "erfunden wurde". Wurde es ursprünglich dazu benötigt, um durch Jagd Nahrung zu erhalten, so geht man heute davon aus, dass in der Zeit um 5.500 v.Chr. bereits "Wettkämpfe" ausgerichtet wurden um so ein Können zu schulen und zu perfektionieren, das für das Überleben unabdingbar war. Über das Streben nach Exzellenz und Perfektion definiert sich schließlich der Sportbegriff und das Schießen mit Bogen und Pfeil, das den Ursprung des Schießens an sich darstellt, illustriert dies als ein wahrlich "uraltes" Beispiel. Dabei steht es nicht nur für körperliche Kräfte und körperliches Können, sondern es symbolisiert auch gleichzeitig die "Erfindernatur" des menschlichen Geistes. Die "Encyclopedia Britannica" bezeichnet das Schießen als einen großen kulturellen Fortschritt, vergleichbar mit der Entdeckung des Feuers und der Erfindung des Rades, denn der Bogen stellt den ersten Versuch des Menschen dar, Kraft zu sparen. Mit dem Bogen beginnt also das ökonomische Denken der Menschheit.

Heroen und Götter - Schießen in der Antike

Die ersten großen Hochkulturen - Ägypten, Mesopotamien, China und das Osmanische Reich - zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie Bögen fertigten und ihre Bogenschützen viel Zeit auf Übung und Perfektionierung ihres schießtechnischen Könnens verwendeten. Zum einen natürlich deshalb, weil durch gesteigerte Zielsicherheit bei der Jagd - also dem Nahrungserwerb - eine größere, bessere oder einfach auch "wahrscheinlichere" Ausbeute erzielt werden kann. Motiv des Handels ist also die Wirtschaftlichkeit, und von eben dieser Ökonomie ist auch der zweite Zweck der Schießübungen geprägt: Mit gesteigerter Treffsicherheit lassen sich Siedlungen und Städte besser verteidigen und erobern und "steuerpflichtige" und "zahlungskräftige" Gebiete vereinnahmen.

Eine bedeutende Rolle kommt dem Schießen mit Pfeil und Bogen bei den alten Griechen zu: Ob in Homer's "Ilias", seiner später erschienen "Odyssee" oder aber in den zahlreichen Mythen - Texte und Bildnisse, die Heroen und Götter (zum Beispiel Achilles) beim Schießen beschreiben und/oder zeigen, betonen die Wichtigkeit des Bogenschießens in der griechischen Mythologie und im "normalen" Leben.

Ein "Teil des Lebens" ist das Schießen auch bei den Römern, allerdings spielen die Bogenschützen innerhalb der römischen Legionen keine so bedeutende Rolle, wie man landläufig gerne annimmt. Vielmehr sind in den Legionen, die dazu beitragen, ein Weltreich zu erobern, nur mittelmäßige Schützen. Mittelmäßig nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht ökonomisch arbeiten: Bis zum 5.Jahrhundert wird die Bogensehne beim Abschuss des Pfeils lediglich bis zum Brustkasten gezogen. Durch den kürzeren Weg - im Vergleich dazu würden die Römer die Sehnen bis zur Wange ziehen - hat der geschossene Pfeil eine weitaus geringere Geschwindigkeit und Treffergenauigkeit. Erst zum Zeitpunkt des Untergangs des Imperium Romanum um 475 n.Chr. sind aus den Römern effiziente Bogenschützen geworden. Doch dafür war es zu diesem Zeitpunkt eben schon zu spät...

Das historische Geschehen in den nun folgenden Jahrzehnten ist geprägt von der Völkerwanderung, die bis in das 6.Jahrhundert hinein dauert und in deren Verlauf asiatische Steppenvölker (z. B. Hunnen) von Osten nach Westen vorstoßen und die so von ihnen bedrängten Bevölkerungen - darunter Kelten, Germanen und Slawen - "in Bewegung" setzen.

Bogenschießen auf Scheiben als Freizeitgestaltung
(Luttrell Psalter, 1345
Griechischer Bogenschütze in Kriegbekleidung

Vom Schlachtfeld zur Gilde

Das Mittelalter, dessen Beginn grob in der Zeit um 500 n.Chr. fixiert werden kann, zeichnet sich durch eine beginnende Staatenbildung aus. Die Gründung von größeren Siedlungen und Städten, deren zunehmenden Wohlstand nicht zuletzt auf dem wachsenden Handel mit anderen Städten und Ländern beruht, wie auch die Herausbildung von Nationalstaaten (z. B. Frankreich als das „Frankenreich“) erfordern Schutz gegen "außen". Neben der großen Bedeutung, die den Schützen auf den Schlachtfeldern des mittelalterlichen Europas zukommt, wird im Mittelalter nämlich all das geschaffen, was wir heute als Schützengilde oder -verein kennen, aber auch was wir mit den Anfängen des Leistungssports verbinden. Doch zunächst vollziehen sich bedeutende Veränderungen: Das Verbreitungsgebiet des Bogens ändert sich. Bedingt ist dies vornehmlich durch die Erfindung der Armbrust. Gleichzeitig wird das Schießen durch den Zusammenschluss von Einzelpersonen zu Gilden selbständig. War der sportliche Wettkampf für Urvölker, Hochkulturen, Griechen und Römer eher von sekundärer Bedeutung und diente "nur" der Könnensverbesserung, die ihren Niederschlag in wirtschaftlichen Größen (Nahrung, Eroberung...) fand, so wird das Schießen mit Bogen, Armbrust und später auch Büchse in den Gilden des Mittelalters auch zum "Sport", der ausschließlich dazu dient, den "Besten" zu ermitteln. Sicherlich dient die Schießübung noch dazu, das Können hinsichtlich Jagd und Krieg zu perfektionieren, doch spalten sich diese beiden Sektoren als ebenfalls eigenständige "Disziplinen" ab. So lässt sich das "Schießen" im Mittelalter schließlich als ein Überbegriff charakterisieren, der sich in die Unterbegriffe "Jagd/Verteidigung/Angriff/Krieg" sowie "Sport" aufteilen lässt.

Helden – auf dem Schlachtfeld und in der Literatur

Nach der Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066 verbreitet sich hier der Langbogen; auf dem europäischen Festland tritt indes die Armbrust ihren Siegeszug an, was schließlich so­weit führen wird, dass der Langbogen und dessen enormes Potenzial, so Desmond Seward in "The Hundred Years' War - The English in France 1337-1453", innerhalb weniger Jahrzehnte außerhalb der Britischen Inseln weitgehend unbekannt sein wird. Diese "Unbekanntheit", vielleicht aber auch einfach die Ignoranz des Bogens wirkt sich zum Beispiel für die Franzosen im Rahmen des Hundertjährigen Krieges gegen die Engländer verheerend aus, stellen sich die Bogenschützen doch als die schlagkräftigste "Waffe" der Engländer heraus. Rekrutiert aus Dörfern und Marktflecken in Wales, aber auch England legen sie 1346 in Crecy, 1356 in Poitiers und 1415 in Azincourt - um nur drei der wichtigsten Schlachten zu nennen - den Grundstein zum Sieg über die zahlen mäßig weit überlegenen französischen Heere. Bis in die 1430er Jahre hinein sind die Engländer nicht zu schlagen; zwar verlieren sie Aquitanien, Teile der Gascogne und der Guyenne im Südwesten Frankreichs, doch erobern sie fast den gesamten Norden mit der Bretagne, der Normandie, der Champagne sowie Teile des Herzogtums Orleans und Flanderns, so dass das Königreich England im Jahr 1429 an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation grenzt (!). Die Franzosen indes warten in den unzähligen Schlachten des Hundertjährigen Krieges kaum - und wenn, dann auch nur beschränkt - mit Bogeneinheiten auf. Vielmehr versuchen sie, das Rittertum wieder zu beleben, und indem sie die Engländer im Stil einer bereits "toten Zeit" bekämpfen wollen, begehen sie wiederholt einen fatalen Fehler. Langbögen, die aus Eibenholz gefertigt und bis zu 1,70 Meter lang sein können (Pfeillänge zwischen 80 und 85 cm), haben eine Reichweite von bis zu 280 Metern.
Ihr Vorteil - im Vergleich zur Armbrust - ist die Feuergeschwindigkeit mit bis zu 7 Pfeilen pro Minute, wogegen eine Armbrust nur zwei Pfeile in derselben Zeit abfeuern kann. Pfeile können an der Rüstung des Feindes abprallen; ein Armbrustbolzen allerdings durchschlägt sie. Dadurch stellt schließlich die Kombination von Bogen- und Armbrustschützen innerhalb des englischen Heeres ein - im wahrsten Sinne des Wortes - "todsicheres" Aufgebot dar: Während sich die gegnerischen Reihen gegen die eher eine geradlinige Flugbahn beschreiben den Bolzen schützen, fallen die Pfeile von oben her relativ ungehindert in die Reihen ein und verursachen auf diesem Weg zahlreiche Opfer. Hier vereinigt sich die Ökonomie des Bogens mit der Effi­zienz der Armbrust. Nicht umsonst bezeichnet der Chronist des Hundertjährigen Krieges, Jean Froissart, die englischen Bogenschützen als einen "Schrecken für die Franzosen“: „Their shooting was so heavy and accurate that the French did not know where to turn and avoid their arrows.“ - Sie, die Engländer, schossen mit solch einer hohen Frequenz und Genauigkeit, dass die Franzosen gar nicht wussten, wie sie dem Pfeilhagel entgehen sollten. So kommt es schließlich, dass in Azincourt im Jahr 1415 bereits kurz nach Schlachtbeginn die Blüte der französischen Ritterschaft durch die englischen Bogenschützen ausgelöscht ist: "A Azincourt fut tuee la grande partie de la chivalrie de la partie Franceis et partout les nobles dames et demoiselles changeaient leurs vetements tisses d'or et de soie en habits dedeuil,, (in: Bacquet 67).­

 

Mit Hilfe von Sturmleitern versuchen Angreifer in eine belagerte Stadt einzudringen, während andere Soldaten mit Armbrust und Büchse auf den Angriff warten Die Schäfte von Bolzen und Pfeilen wurden häufig mit brennbarem Material umwickelt und unmittelbar vor dem Abschuss angezündet.
(Board of Trustees of the Royal Armouries, London)
Die englische Kavallerie greift in Verbindung mit Bogenschützen an. Gegen die Feuergeschwindigkeit der Langbögen hatten die französischen Armbrustschützen im Verlauf des Hundertjährigen Krieges keine Chance.

Der Großteil der französischen Ritterschaft wurde in Azincourt getötet, und die Edeldamen und Jungfrauen des Landes wechselten ihre aus Gold und
Seide gewebten Roben gegen Trauerkleidung. In Bezug auf den Hundertjährigen Krieg sei hier auch angemerkt, dass das heute so bekannte und beliebte "Victory"- Zeichen - ein V, geformt" aus Zeige- und Mittelfinger – seinen Ursprung in jener  Zeit hat. Der Chronist Monstrelet berichtet, dass die Franzosen den Engländern drohten, allen gefangen genommenen englischen Bogenschützen Mittel ­und Zeigefinger abzuschneiden, damit diese zukünftig nie wieder einen Pfeil gegen die Franzosen richten könnten. Die englischen Bogenschützen jedoch lassen sich von solch einer Drohung nicht einschüchtern. Vielmehr provozieren sie die Franzosen, als sie ihnen auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, indem sie Zeige- und Mittelfinger der Abzugshand nach oben halten und den Franzosen damit unmissverständlich zeigen, dass sie ihre Pfeile weiterhin gegen sie richten und dadurch unter Umständen den englischen Sieg begründen werden...
 

Schusswechsel zwischen Bogenschützen der französischen und englischen Armeen in der Schlacht von Azincourt 1415. Ob die Franzosen wirklich mit einem "Bogenheer" aufwarteten, darf jedoch aufgrund der schriftlichen Überlieferung - und auch aufgrund des Schlachtausgangs - bezweifelt werden .... Die Belagerung der Stadt Hainault durch die Engländer. Rechts sieht man die gefürchteten englischen Bogenschützen, davor spannt ein Armbrustschütze seine Waffe während ein anderer bereits sein Ziel ins Auge gefasst hat.

Dass die englischen Bogenschützen zu so einem treffsicheren "Schrecken" wurden, ist nicht zuletzt das Verdienst der englischen Könige, die keine Mühen, Kosten und Widerstände seitens der Städte und Bürger scheuen, um den Bogenschützen entsprechende "Trainingsmöglichkeiten" zu bieten. Männer von 16 bis 60 Jahren haben sonntags und an jedem Feiertag nach der Messe in Schießanlagen, den butts, auf Zielscheiben zu schießen; zudem verbieten ver­schiedene Könige, so Edward III (1312-1377), Henry V (1387- 1422) und der spätere James II (1633-1701), andere Spiele, wie zum Beispiel Fußball, Handball, Wurfball und den Hahnenkampf, als die Bürgerschaft der Verpflichtung zum Bogenschießen nicht mehr ausreichend nachzukommen scheint. Und dass die Engländer des Mittelalters ihre Bogenschützen zu schätzen wissen, spiegelt sich in den zahlreichen Balladen, Gedichten und Liedern wider, die in jener Zeit über heldenhafte Schützen verfasst werden. Einige von ihnen, wie zum Beispiel die Erzählungen über Robin Hood, sind noch heute Klassiker. Mit "Toxophilis" (Der Bogenliebhaber) schreibt Roger Ascham das erste englischsprachige Buch über das Bogenschießen. Es wird 1545, also in der Renaissance, publiziert. Auch im deutschsprachigen Raum sind es Legenden und Erzählungen, die von der Treffsicherheit großartiger Schützen zeugen. Die bekannteste Legende mag wohl die vom Schweizer Meisterschützen Wilhelm Tell sein, der sich weigert, sich vor dem vom Landvogt an einer Stange befestigten Hut - dem Zeichen der Autorität - zu verneigen. Nicht nur, weil er "einfach nicht will", sondern auch, weil er sich seines Bekanntheitsgrades und seiner Privilegien als ausgezeichneter Schütze durchaus bewusst ist. Der Landvogt befiehlt, Tell solange nicht frei zu lassen, bis er mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen habe. Tell nimmt die Herausforderung­ wie wir wissen - erfolgreich an. Mündlich ist die Legende vom willensstarken und treffsicheren Eidgenossen seit dem 14.Jahrhundert überliefert worden, ehe sie Friedrich Schiller 1804 als Schauspiel ans Theater bringt. Die Geschichte von Wilhelm Tell zeugt dabei von der Tradition der Armbrustschützen in Deutschland und in der Schweiz, wo man ihnen mit Respekt begegnete und sie zum Symbol des Trotzes gegenüber der Unterdrückung durch die Aristokratie wurden.

Handwerkszünfte als Vorbild

Vorbild für die Gründung der Schützengilden und -vereinigungen ist das Gildenwesen der Handwerkerzünfte, die ab dem 14.Jahrhundert bestimmend für das gesamte bürgerliche Leben sind. Diese Vereinigungen werden aus ökonomischen und politischen Gründen geschlossen: Sie kämpfen in den Räten um Mitspracherecht und Einfluss auf kommunale Angelegenheiten und soziale Einrichtungen, sie erwirken für Handel und Gewerbe die Sicherung der Beschäftigung und des Verdienstes. Im persönlichen leben der Bürger gelten die Gilden und Zünfte als schützende und bestimmende Organisationen. Die Schützen organisieren sich schließlich nach dem Vorbild dieser Vereinigungen. Wie die Zünfte besitzen nun auch sie ihren besonderen Schutzheiligen - vorzugsweise Sebastian oder Hubertus-, ein besonderes Kleinod, eigene Fahnen, Urkunden, Pokale, Geschirr... Sie bege­hen ihre eigenen Jahrestagsfeiern, nehmen geschlossen an Gottesdiensten teil. Wer in einer Schützengilde Aufnahme finden möchte, muss unbescholten sein. Er hat einen Jahresbeitrag und eine Aufnahmegebühr zu entrichten - wie es auch bei den Handwerkszünften der "Brauch" ist -, und so lassen sich nun auf diese Wurzeln und Grundsätze die oft als "streng" empfundenen Aufnahmeregeln bei alten, traditionsreichen Schützengesellschaft begründen...

Für Bewaffnung und Ausrüstung ist jeder selbst verantwortlich und da dies mit relativ großem finanziellen Aufwand verbunden ist, sind ärmere Schichten folglich von Waffendienst und Schützenwesen ausgeschlossen: "Zu den Schützen gehörten nicht Hinz und Kunz, sondern sie waren und betrachteten sich durchaus als, etwas Besseres im sozialen Gefüge der Zeit.[...] Und die Schusswaffen waren erst recht ein Gradmesser bürgerlicher Wohlhabenheit [...] Einfachere Bürger konnten sich nur eine billigere Waffe, etwa eine Hellebarde oder einen Spieß, zulegen" (FSG,44).

Armbrustschütze Bogenschütze
(aus dem Stundenbuch der
"Maria von Burgund")
Büchsenschütze

Die Reglementierung des "Spiels"

Die ersten Schützengilden entstehen in Nordfrankreich und im heutigen Belgien in der Zeit um 1200. Mit der Armbrust sollen Treffsicherheit im Krieg und bei der Verteidigung geschult werden, dem Bogenschießen kommt hier bereits eher der Status eines Freizeit, aber auch Leistungssports zu, denn der einer wirkungsvollen Verteidigung. Die belgischen Schützengilden, die sich äußerst aktiv um ihren Gildenstatus und die damit verbundenen Privilegien bemühen,  wechseln dabei recht früh von der Eigenschaft als militärische Vereinigungen zum Status der Ehrengarden und fungieren als Ausrichter von Festen. Von hier aus verbreitet sich in den folgenden Jahrzehnten der "Vereinsgedanke"; im ausgehenden 13.Jahrhundert sind Schützengesellschaften bereits im ganzen westlichen Abendland verbreitet, was schließlich auch dadurch begünstigt wird, dass mit der Gründung von Märkten und Städten die Bürger das Recht erhalten, diese Orte mit "Mauer, Wall und Graben" (Breibeck, 1) zu umgürten. Um Mauer, Wall und Graben vor An- und Übergriffen zu schützen, braucht man wiederum waffengeübte Leute, und deshalb geizen Kaiser und Landesfürsten nicht mit der Verleihung von Privilegien an die Schützenvereinigungen. Gleichzeitig wird diesen Vereinigungen die Schießausbildung aller männlichen Gemeindemitglieder übertragen, so Otto Ernst Breibeck in seinem Buch "Bayerisches Schützen leben", und so führen noch heute viele "Privilegierte Schützengesellschaften" mit Stolz dieses bedeutungsvolle Attribut, das auf die ihnen schon vor sechs- oder siebenhundert Jahren gewährten Vorrechte hinweist.
Ausbildung und Übung, Einsatzbereitschaft und gute Bewaffnung tragen zur erfolgreichen Verteidigung so mancher Stadt bei. Auch wenn das Wort "Schütze" dabei - im Gegensatz zur weitläufigen Meinung - auf keinen etymologischen, d. h. keinen wortgeschichtlichen, Ursprung oder Zusammenhang mit dem Verb "schützen" als Tätigkeit zurückgreifen kann, so sind die Schützen des Mittelalters (wie auch die der kommenden Jahrhunderte) auf das Engste im soziokulturellen Bereich mit den Städten, den Bürgern und auch deren Schutz verbunden. Die Schützen, die weit und breit als verantwortungsbewusst geschätzt werden, geben sich und ihren Vereinigun­gen schon bald Satzungen, in denen die Rechte und Pflichten eines jeden einzelnen Mitglieds nach demokratischen Grundsätzen festgelegt werden.
In der Moosburger Satzung aus dem Jahr 1514 findet sich so die Anordnung, dass,,[w]er aber Hader / Unfug / oder Irrungen (=Betrug) anfange undt mache / gar Unzucht triebe / unziemlich schwört / schilt oder flucht / den solln gleich die Schuezenmeister darumb in aller Streng strafen" (Breibeck, 12). Und in der Satzung der Traunsteiner Schützen heißt es: "Welcher Schüz denen Schüzenmaistern freventlich einredt (= kritisiert) soll nach dem Rath aller Schüzen scharff gestrafft werden" (Brei­beck,12).
 

Kurfürstin Sybille erhebt die Armbrust zum Signal gebenden ersten Schuss - ein Auszug aus Lucas Cranachs "Hirschjagd", das 1540 entstand Die Mitglieder einer flämischen Schützengilde messen sich im Armbrustschießen (Buchmalerei aus dem Jahr 1520)

Neben dem Schießdienst gilt das Augenmerk der Gilden und Bruderschaf­ten, die sich an Zünften und/oder geistlichen Orden orientieren, auch sozialen Angelegenheiten, wie der Versorgung und Unterstützung von Waisen, Kranken und Alten. "Schützengilden und Schützenbruderschaften [praktizieren] damit ein soziales Verhalten, das im sonst so finsteren Mittelalter erstaunlich [ist]", so Breibeck (2).

Gleichzeitig erstarkt das schießende Bürgertum so sehr, dass ritterlicher Adel und Klerus grimmig zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihnen die einst wehrlose Bürgerschaft nun selbstbewusst Paroli bieten kann. Schon bald trennt sich deshalb im Bereich des Heiligen Römischen Reiches der Wehr- und Militärdienst vom Schützenwesen an sich, denn die Stadtbürger - gleichzeitig also die Schützen - machen sich daran, vom militärischen Dienst freizukommen, und schon 1278 sieht sich Rudolf von Habsburg gezwungen, erste Städte und Märkte aus der "Heeresfolge" zu entlassen, d. h. diese haben für Kaiser und Fürsten keine langwierigen militärischen Unter­nehmungen mehr zu leisten. Geschossen wird in den Schützengilden und -vereinigungen des europäischen Festlandes mit der Armbrust und schließlich auch mit der "Büchse", nachdem der Freiburger Mönch Berthold Schwarz bei alchimistischen Versuchen das Schießpulver (Schwarzpulver) Ende des 14.Jahrhunderts entdeckt (oder "lediglich" verbessert?) hat. Diese und die daraus resultierende bevorzugte Verwendung von kleinkalibrigen Geschützen "Luntengewehren" (Arkebusen) und später "Flinten" jedenfalls beendet all­mählich die Zeit der Ritter und "vertreibt" zum Ende des Mittelalters die Bogen- und Armbrustschützen von den Schlachtfeldern Europas und von den Mauern der Städte. Aber nichtsdestotrotz wird das Armbrustschießen weiter gepflegt: Als Vorschule für das Schießen mit richtigen Feuerbüchsen. Bei Wettkämpfen mit der Armbrust wird zumeist auf den "Vogel", eine Figurenscheibe aus einer starken Bohle in Form eines Adlers, geschossen, die auf eine lange Stange aufgesteckt ist. Bei diesem "Vogelschießen", das in dieser Art noch heute bei vielen der bayerischen Armbrustschützengilden - Winzerer Fähndl München, Frundsberger Fähndl München, "Trausnitzer Faehndlein" Landshut, HSG Nürnberg "Großer Stahl 1513" Regensburg, ASG Zirndorf, Fähnlein Rechberg Mindelheim, ASG "Hofer" Bamberg-Gaustadt, TSV Detag Wernberg "Der Bund" München, ZSG Bavaria Unsernherrn und die HSG München - praktiziert wird, gewinnt derjenige, der das Holzstück mit dem höchsten Gewicht vom Vogelbaum schießt. Ausgezeichnet werden auch jene, die eine der Prämien - Krone, Zepter und Reichsapfel- holen.
 

Anton von Burgund wurde 1456 in den Orden vom Goldenen Vlies aufgenommen, dessen Kette er auf dem Gemälde von Rogier van der Weyden trägt. 1463 wurde Anton Schützenkönig der Genter Gilde; der Pfeil, den er in seiner rechten Hand hält, könte ein Zeichen hierfür sein. Schützenfeste erfreuen sich im Spätmittelalter zunehmender Begeisterung.
Schweizer Druck von 1504.
"De Kirmis van Hoboken"
Zeichnung von Pieter Brueghels

Für das Schießen mit der Feuerbüchse müssen neue Schießplätze eingerichtet werden - nicht zuletzt deshalb, weil es nun vielfach zur Trennung von
"modernen Feuerschützen" und "konservativen Armbrustschützen" kommt. Für die große Freie Reichstadt Nürnberg ist die Einrichtung eines großen Schießplatzes bereits für das Jahr 1429 belegt; geschos­sen wird mit der Büchse auf quadrati­sche Holztafeln, deren Größe sich in etwa auf 1x1 Meter beläuft. Für das große Festschießen der Kgl. privil. FSG Landshut im Jahr 1493 für Armbrust und Feuerbüchse ist vermerkt, dass die Armbruster auf knapp 100 Meter Entfernung eine Zielscheibe mit 12 Zentimetern Durchmesser zu treffen hatten; für die wesentlich ungenauer schießenden Feuerbüchsen hatte das Ziel in gut 200 Metern einen Durchmesser von 1 ,65 Metern.

Schützenfeste und Festschießen kommen in der Zeit nach 1375 immer mehr in Mode, als die in ihrer Bedeutung und ihrem Selbstbewusstsein wachsenden Gilden und Vereinigungen bestrebt sind, sich nicht nur in den eigenen Reihen miteinander zu messen, sondern auch mit Schützen aus nah und fern. Gleichzeitig dienen diese Wettkämpfe dazu, das Ansehen der Schützengesellschaften und ihrer Mitglieder zu heben, das Schützenwesen an sich zu fördern und eine "Verbrüderung" mit anderen Gesellschaften einzufädeln. Begründet wird im Westeuropa jener Zeit auch das Ausschießen eines Königs, der von zahlreichen Privilegien - darunter auch die Steuerbefreiung - profitiert.
 

Kaiser Maximilian kniet vor dem Heiligen Sebastian, der - was ungewöhnlich für die Sebastians-Darstellung ist - mit einer Rüstung bekleidet ist und Pfeil und Bogen bei sich trägt. Das Martyrium der Heiligen Ursula,
Patronin der Schützen.
Schießstand in Zürich um 1504

Viel herum kommen die ehrgeizigen bayerischen Schützen dabei im ausge­henden Mittelalter: Im Jahr 1425 laden zum Beispiel die Landshuter
Schützen zum Schützenfest; die Preise mit nach Hause nehmen die Vertreter der heutigen Münchner Hauptschützengesellschaft,die­1406 als Schützengesellschaft endgültig fixiert - eine der ältesten Schützenvereinigungen Deutschlands ist. 1426 finden Vergleichsschießen in Erding und Dingolfing statt, 1432 ein Festschießen in Straubing, 1436 in Regensburg, 1437 in Freising, 1441 in Mühldorf, 1444 in Augsburg, 1454 in Ansbach. Im selben Jahr und 1467 fungieren die Münchner als Gastgeber. 1459 reisen Schützen aus Weißenburg zum Schützenfest nach Schwabach und 1460 nach Lauingen an der Donau, 1464 treten in Nördlingen 289 Schützen aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation an die Stände, 1472 und 1473 laden die Ingolstädter zum sportlichen Wettkampf, 1475 reisen die Landshuter Schützen mit dem Floß zum Festschießen nach Wien, 1476 veranstalten die Augsburger Schützen ein Festschießen, dem 1477 ein erneutes Schießen in Straubing folgt. 1484 wird in Passau ein Büchsenschießen durchgeführt, 1493 rei­sen bayerische Schützen sogar nach Worms am Rhein, bevor im selben Jahr die Landshuter FSG das größte Büchsenschießen und höchst dotierte Festschießen des ausgehenden Mittelalters ausrichten: 512 Armbrustschützen und 1218 Büchsenschützen treten zwei Wochen lang zum Vergleich an.
 

Schützenscheiben sind seit jeher Spiegel der Kultur, Gesellschaft und des Geschehens der Zeit, in der sie erschaffen und gestiftet wurden. Diese - bereits barocke - Scheibe aus dem Jahr 1611, die zum Scheibenbuch des Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg gehört, zeigt eine interessante Variante des "Liebesbaumes", der im 16. Jahrhundert erstmals belegt ist. Karl Kramer bemerkt, dass das Motiv dieser Coburger Scheibe - Frauen schießen die Herren von besagtem Baum herunter - einmalig ist. Die Schützen des ausgehenden Mittelalters kamen viel herum. Von Landshut reisten sie bis nach Worms, von Weißenburg zog es sie bis nach Frankfurt am Main. Das Festschießen der Kgl. privil. FSG 1425 Landshut im Jahr 14493 war das größte Armbrust- und Büchsenschießen dieser Zeit. Das bezeugt auch die Festabrechnung.

Um das Jahr 1500 geht das Mittelalter in Westeuropa in die Renaissance über. Was trotz aller kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Neuerungen in der "neuen Zeit" bleibt, sind die Traditionen der Bogen-, Armbrust- und Büchsenschützen, die in den Gilden und Vereinigungen auch in den kommenden Jahrhunderten beibehalten und gepflegt werden. Doch gründet sich all das, was fortgeführt, verbessert und entwickelt. wird - sei es die Organisation der Preisschießen oder die Entwicklung der Sportgewehre - auf jene Zeit, die heute - zu Unrecht - als das "finstere Mittelalter" bezeichnet wird.

Bericht von Ines Menay

Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Schützenzeitung und Frau Ines S.Menay
Ausgabe März 2005

 



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